Mit einem großwindigen Barockhorn spiele ich Aufführungen von Bachs Kantaten und habe mich außerdem auf ein sehr spezielles Horn-Instrument spezialisiert: das Corno da tirarsi (ital. „Horn zum ziehen“) ist ein Blechblasinstrument aus Johann Sebastian Bachs Leipziger Zeit. Abgesehen von seinem Erscheinen ab 1723 gibt es keine weiteren direkten Hinweise für seine Existenz.
Die erstaunlich große Zahl von bis zu 40 Partien für Horn (mit Bezeichnungen wie „Corno da tirarsi“, „Corno“, „Corn.“, „Corno da caccia“, „Cornio“, „Corno per force“, „Cornu“ und offenbar in einigen Kantaten auch „Clarino“) enthalten bis zu 14 zusätzliche Töne, die ohne eine mechanische Spielhilfe allem Anschein nach nicht darstellbar waren.
Erfahrungen der heutigen Praxis, die erstaunlich umfangreiche Indizienkette und anatomische Überlegungen deuten darauf hin, dass es sich um die persönliche „Hardware“ des berühmten Stadtpfeifer-Senior Gottfried Reiche (1667 – 1734) handelte und vermutlich in der Kombination eines kleinen, posaunenartigen Doppelzuges mit den Korpus eines Horns bestand. Es geht um die Stimmen in den Kantaten BWV 3, 8, 16, 23, 24, 26, 27, 40, 43, 46, 48, 60, 62, 65, 67, 68, 70, 73, 78, 83, 89, 90, 95, 96, 99, 105, 107, 109, 114, 115, 116, 124, 125, 133 (?), 136, 140, 162, 167, 178 und 185.
Der kurze Doppelzug kam offenbar auch in Kombination mit einer Trompete als Tromba da tirarsi in den Kantaten BWV 5, 10, 12, 19 (?), 20, 41 (?), 43 (hier singulär: drei Trompeten mit zusätzlichen Tönen), 46, 74, 75, 76, 77, 90 (Horn?), 103, 110, 126, 127 (?), 137, 147, 148 (?); zudem im Cantus firmus im Terzetto Nr. 10 „Suscepit Israel“ (Erstfassung des Magnificat BWV 243a ) und außerdem in den Tromba da tirarsi-Stimmen der Kantaten „Lobet, ihr Himmel, den Herren“ und „Gott, der Vater, wohn uns bei“ von Bachs Leipziger Amtsvorgänger Johann Kuhnau zum Einsatz.
Detaillierte Informationen auf einer separaten Internetseite: HIER.

Foto: Christine Starke, Dresden.

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